Aktuelles

Aktuelles

Die STIFTUNG MICHAEL bietet Ihnen auf dieser Seite aktuelle Hinweise und Berichte um die Themen Epilepsie, Epileptologie und Neurologie.

 

11.09.2016

Bericht über die

MICHAEL-DEBATE 2016

auf dem Europäischen Epilepsie-Kongress 2016 in Prag

Bericht über die MICHAEL-DEBATE auf dem Europäischen Epilepsie-Kongress 2016 in Prag

Remission and Epilepsy

Die unter dem Vorsitz von Peter Wolf (Kopenhagen/Florianópolis) und Vladimir Donath (Banská Bystrica) geführte Debatte wurde überschattet durch die Nachricht vom Tode Uwe Heinemanns, der den einleitenden Beitrag über theoretische Konzepte der Remission hatte geben sollen. Stattdessen wies Wolf, nach einer kurzen Einführung in den derzeitigen Wissensstand und Sprachgebrauch durch Donath, auf das Fehlen einer verbindlichen Begriffsbestimmung hin. Zwar werde im Allgemeinen Remission bei Epilepsie mit Anfallsfreiheit gleichgesetzt, dabei aber mit der Frage einer fortgesetzten Medikation ganz unterschiedlich umgegangen. Er schlug vor, bedingte (Anfallsfreiheit unter Medikamenten) und endgültige Remission (auch nach Absetzen der Medikamente) zu unterscheiden. Hiermit nicht deckungsgleich sei eine Unterscheidung in teilweise Remission i.S. einer verminderten Anfallsbereitschaft bei noch bestehendem Behandlungsbedarf und volle Remission, bei der keine Behandlung mehr nötig ist. Eine große Schwierigkeit liege darin, dass unter den Patienten, die noch Medikamente nehmen, somit nur als bedingt remittiert gelten können, eine Gruppe von voll Remittierten sei, die man aber nicht identifizieren könne, solange sie behandelt werden. Dieses Problem sei bedauerlicherweise in der neuen „Praktischen klinischen Epilepsiedefinition“ der ILAE von 2014 völlig ignoriert worden. – Eine andere wichtige Unterscheidung sei die zwischen einer qualitativen, typischerweise altersgebundenen Remission i.S. eines syndromspezifischen Verlaufs und einer quantitativen Remission i.S. eines allmählichen Abflauens der Anfallsbereitschaft. Hierfür stellte er das Beispiel einer Patientin mit idiopathischer generalisierter Epilepsie vor, bei der dieser Prozess über 27 Jahre bis zum Absetzen des Antiepileptikums verfolgt werden konnte. Dabei konnte der allmähliche Rückgang der therapeutischen Plasmaspiegel als Biomarker benutzt werden.

Helen Cross (London) sprach über Remission bei gutartigen Kindheitsepilepsien. Sie begann mit einem Überblick über die einschlägigen Syndrome und betonte dabei, dass ihre Gutartigkeit i.S. der regelhaft eintretenden Remission nicht gleichbedeutend sei mit einer restitutio ad integrum. Als Mitautorin der ILAE-Definition verteidigte sie die Entscheidung der Arbeitsgruppe, den Begriff Remission durch „epilepsy resolved“ zu ersetzen damit, dass Remission ein nur vorübergehendes Sistieren der Anfälle suggeriere und daher nicht positiv genug sei. Allerdings lasse auch „resolved“ die Möglichkeit eines späteren Wiederauflebens der Anfälle offen und sei nicht gleichbedeutend mit Heilung.

Betül Baykan (Istanbul) behandelte das Thema Remission bei Juveniler Myoklonischer Epilepsie, für alle diejenigen überraschend, die noch am Dogma der lebenslangen Behandlungsbedürftigkeit bei diesem Syndrom festhalten. Sie gab einen detailreichen Überblick zunächst über die Behandlungsprognose in Relation zu verschiedenen Endophänotypen, dann über die neueren Publikationen mit Langzeitverläufen von mehr als 20 – 25 Jahren, in denen es immer einen gewissen Prozentsatz von Patienten gibt die, oft aus eigener Initiative, die Medikamente abgesetzt haben und anfallsfrei geblieben sind. Auch bezüglich der Langzeitprognose scheint es Abhängigkeit von Endophänotypen, z.B. bestimmten reflexepileptischen Phänomenen, zu geben.

In der folgenden Rundtischdebatte ging Wolf noch einmal auf die Terminologie der ILAE-Definition ein und wies auf die Schwierigkeit hin, dass es im Gegensatz zu „Remission“ für den Begriff „epilepsy resolved“ nicht in allen Sprachen eine passende Entsprechung gebe, z.B. im Deutschen und Dänischen. Er einigte sich mit Frau Cross aber schnell darauf, auf Wortklaubereien zu verzichten und stattdessen die zentrale Frage zu beleuchten, welche Mechanismen bei der Remission der gutartigen Kindheitsepilepsien zum Tragen kämen. Cross hatte in ihrem Vortrag das Prinzip des An- und Abschaltens krankheitsspezifischer Gene angesprochen. Wolf stellte die Frage, ob man sich auch ein Zusammenwirken unspezifischer anfallsbegünstigender Faktoren mit Reifungsprozessen des Gehirns vorstellen könne. Beide Erklärungen schließen einander natürlich nicht aus.

Frau Baykan erntete viel Anerkennung dafür, mit welcher Präzision sie herausgearbeitet hatte, dass man die JME nicht als einheitlichen Block betrachten sollte, sondern als eine facettenreiche Krankheit mit Endophänotypen, die den Verlauf grundlegend beeinflussen können. Im Plenum fühlte Dr. Najib Kissani (Marrakesh) sich bestärkt in der Auffassung, dass es zwei juvenile myoklonische Epilepsien gebe, eine gutartige und eine therapieschwierige. Dies fand aber nicht die Zustimmung des Podiums, das nach Frau Baykals Vortrag einer Sicht der JME als multifaktorieller Spektrumkrankheit den Vorzug gab mit Endophänotypen, die sich jetzt nach und nach mit ihren phänotypischen und prognostischen Aspekten zu erkennen geben.

Ebenfalls aus dem Plenum brach Dr. Shichuo Li (Beijing) eine wortgewandte Lanze dafür, statt sich den Kopf über Remission und resolved zu zerbrechen, doch lieber den Patienten eine Freude zu machen und von Heilung zu sprechen. Die Bedenken gegenüber dieser Möglichkeit wurden von Frau Cross formuliert. Sie sind überwiegend darin begründet, dass auch bei einem lange anfallsfrei gewordenen früheren Patienten nicht von einer Anfallsbereitschaft auf einem ebenso niedrigen Niveau ausgegangen werden kann wie bei jemand, der nie Anfälle hatte.

Am Ende hatten die Vorsitzenden Grund, allen Beteiligten für eine facetten- und gedankenreiche Debatte zu danken.

mehr über die Michael-Debate

Aktuelles
MICHAEL-DEBATE Prag 2016